HINFALLEN, AUFSTEHEN, KRONE RICHTEN, WEITERGEHEN …

Fällt man hin, kann es vorkommen, dass mehr zurückbleibt als der reine Schreck. Die eine oder andere Verletzung kann uns, zumindest zeitweise, aus unserem gewohnten Alltag nehmen. Wichtig ist jedoch, dass man sich von diesem ungewollten Stopp nicht aufhalten lässt. Weiter soll’s gehen – wie und auf welchem Weg, das hingegen darf hinterfragt werden.

So manch imaginärer Stolperstein säumt unseren Lebensweg. Die einen sind etwas grösser als die anderen. Unabhängig von der Grösse – ins Straucheln kann einen schon die kleinste Unebenheit bringen. Mehr noch – gar ein Hinfallen ist nicht auszuschliessen.

Wann sind Sie das letzte Mal wirklich hingefallen? Mussten Sie sich dann auch zuerst orientieren, was genau passiert ist und was Sie zu Fall gebracht hat? Wo es überall schmerzt und wie nachhaltig diese Schmerzen sind? Steht man wieder, wischt man sich den Staub ab, untersucht die Schäden am Körper, an der Kleidung und den Schuhen, atmet durch, und dann geht’s möglichst unauffällig weiter des Wegs. Im besten Fall war die Situation so urkomisch, dass man herzhaft über sich selber lacht und damit gleichwohl bemerkbar macht, dass nichts Tragisches passiert ist. Dass dieser Lacher auch hilft, die Peinlichkeit sowie die empfundene Unbeholfenheit zu überbrücken, ist eine natürliche Reaktion.

Wenn wir in unserem Tun und Wirken hinfallen, dann sieht das alles oft anders aus. Mental geschieht das Gleiche, wie wenn man effektiv hinfällt. Doch psychisch passiert wesentlich mehr. Generell ist in unserer Kultur verankert, dass ein mentales «Hinfallen» als Niederlage angesehen wird. Die peinlichen Gefühle sind einem ins Gesicht geschrieben. Man fühlt sich wie nach einer miserablen Bühnenpräsenz und kann die Buh-Rufe aus dem Publikum förmlich spüren.

Mit gesenktem Kopf stehen wir auf, reinigen unsere psychischen/mentalen Verletzungen und gehen weiter. Möglichst unauffällig und mit den Lerneffekten aus dem Sturz. Nicht selten führt das dazu, dass wir nur noch intensiver und genauer werkeln, handeln, entscheiden. Gerade so, als ob diese beiden Eigenschaften vorher massgeblich gefehlt hätten.

Oft und gerne wird in dieser Situation aus dem Umfeld das Sprichwort «Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen» zitiert. Viel Wahres ist dabei, denn man soll sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, nur weil man mal hinfällt. Hinfallen gehört dazu, und wir lernen aus solchen Stolpersteinen immens viel. Dieses Gelernte können wir beim nächsten Versuch zielführend einsetzen und so hoffentlich die anstehende Hürde erfolgreich überwinden.

Häufig muntert man sich selber auf mit «was mich nicht umbringt, macht mich stark». Klar und glücklicherweise ist das so. Und wie alles im Leben hat so ein ungewollter, oft abrupter Stopp auch seine guten Seiten.

Im Moment des «mentalen Staubabwischens» darf man sich auch die Frage stellen: «Bin ich auf dem richtigen Weg?»

In dem Moment des «mentalen Staubabwischens» darf man sich auch die Frage stellen: «Bin ich auf dem richtigen Weg? Ist es wirklich nur eine Unachtsamkeit, die mich zu Fall gebracht hat, oder ist da mehr dahinter?»

Geht man nach den Shaolin ist genau dieser Moment des Staubabwischens der tiefere Sinn eines Stolperns. Innehalten, orientieren, Schmerzstellen erfassen und mit den Erkenntnissen daraus wieder loslaufen. Es darf durchaus der bisherige Weg fortgesetzt werden, doch ist das Einschlagen einer neuen Richtung ebenso erlaubt.

Gemäss den Shaolin wird in unseren Breitengraden dieses «Aufrütteln» zu wenig differenziert betrachtet. Unbeirrt weitermachen, sich nicht aus dem Konzept bringen lassen, zeigen, dass man es sehr wohl kann. All diese Gedanken sind okay, doch was spricht dagegen, dieses Momentum zu nutzen, um die Perspektive zu wechseln? Dies mit der Absicht, zu klären, ob das definierte Ziel beibehalten oder aber geschärft werden sollte? Wenn eine Anpassung sinnvoll ist, dann ist es auch möglich, dass sich der Weg verändert.

Die Sichtweise der Shaolin findet aus meiner Interpretation seinen Platz im Teilbereich des Sprichworts « Krone richten». Zeit nehmen, alles zu büscheln, ausrichten und dann aus Überzeugung und mit frisch gewonnener Energie weitergehen. Ein Hinfallen zwingt uns, mehr Zeit zu investieren für einen Weg, welchen wir bewusst vorangehen. Das ist die grosse Chance, und genau als solche soll es mit Dankbarkeit angenommen werden.